
19.01.2011, 12:36 Uhr
Man kann dem Wuchern sogar zusehen auf dem Spring Trail. Kreuz und quer liegen morsche Äste, auf die sich Moos legt, an den Stämmen der Palmen und Hartholzbäume wachsen Kletterwurzeln hinauf und Luftwurzeln wieder hinunter. Lianen hängen in den grünen Alleen, und McDonald erzählt, dass er sich früher wie Tarzan über kleine Flusstäler schwang. Unter den Gummistiefeln seiner Gäste schmatzt der Boden, kleine Bäche gluckern. Sie bewegen sich bedächtig, die Wanderer aus England, nicht aus Angst vor wilden Tieren, wie Robinson Crusoe, sondern aus Demut. Der Mensch schrumpft dahin unter dem Gewölbe tropischer Baumkronen.
Auch McDonald fühlt so etwas wie Demut, wenn er in diesen Wald eindringt. Nie würde er erlauben, dass die alten Pfade ausgebaut oder gar befestigt würden. Auch Schilder und Wegweiser sind unerwünscht in Tobagos Forest Reserve. Sogar seine alte, vom Vater geerbte Leidenschaft, die Jagd, hat McDonald aufgegeben. Jetzt sagt er von sich: "Ich bin ein Naturmensch." Er sagt auch: "Ich bin ein schwarzer Robinson Crusoe." Seltsam, wie spät die Romanfigur ins Bewusstsein der Bewohner Tobagos gedrungen ist. Obwohl die Verweise in Defoes Roman zahlreich und eindeutig sind (an einer Stelle ist von der Orinoko-Mündung die Rede und vom Blick auf die Nachbarinsel Trinidad), haben andere Inseln in Karibik und Pazifik aggressiv mit Robinson geworben. Der Stoff wurde 25 Mal verfilmt und tausendfach literarisch genutzt. Doch auf Tobago mochten sie den Robinson nicht, vielleicht, weil er Europäer war wie die alten Zuckerbarone, vielleicht, weil er wie sie angeschwemmt worden war: er, der Schiffbrüchige, sie, die Nachfahren der Sklaven aus Afrika.
Erst langsam wächst ein Bewusstsein, dass Robinson auch für ein Lebensgefühl steht, für den Wandel, für die Suche nach dem wahren Ich. Und dass er sich prima vermarkten lässt, weil jeder ihn kennt. Zudem haben sich die Menschen in Charlotteville immer ein wenig gefühlt wie Defoes Romanheld, dort oben im Norden, am Ende der löchrigen Straße. Nicht nur die Radiowellen brauchten lange, ehe sie das Fischerdorf mit seiner malerischen Bucht endlich erreichten. Auch mit der ersten Elektrizitätsleitung hatte es bis in die Zeit nach "Flora" gedauert. Das Fernsehen kam 1980, Mobiltelefone gibt es seit sieben Jahren. "Es gab keinen Grund fernzusehen", sagt McDonald. "Und keinen Grund zu telefonieren." Man lebte isoliert auf einer Insel, in der Familie und mit der Dorfgemeinschaft.
Auch heute gibt es diese altmodischen Dörfer noch, Dörfer wie Castara oder Buccoo, wo die alten Frauen in Lehmöfen am Strand backen, wo im März die Ziegenrennen stattfinden. "Die Menschen tun, was sie immer getan haben, sie fischen, gehen in die Gärten, trinken, hängen am Strand herum und plaudern", sagt McDonald, "und dass rund um sie herum langsam der Tourismus entsteht, das ist ihnen egal". Ihm ist der Tourismus nicht egal, es bereitet ihm große Freude, den "schwarzen Robinson" zu spielen und den Besuchern sein Land und seinen Wald zu zeigen.
Jeder seiner Wanderer, sagt er plötzlich, bekomme nun einen Vogel zugeteilt, dessen Name er am Ende des Spring Trail abfragen werde. Eine der Damen in Weiß, Mitte Fünfzig, soll sich den "rufus breasted hermit" merken, einen Kolibri mit rötlicher Brust. Ihre Freundin bekommt den "red-legged honeycreeper", einen Winzling aus der Familie der Naschvögel. Es wird noch stiller in der Gruppe, die Gäste haben aufgehört, miteinander zu sprechen. Sie lernen den Wald auswendig. Nach drei Stunden ist die Gruppe in einem Flussbett angelangt. Nur noch mühsam schimmert Sonnenlicht durch das Blätterdach, der Fluss biegt und wendet sich, immer wieder gilt es, umgestürzte Baumriesen zu überklettern. Dann ein kleiner Pool, smaragdgrün mit braunem Kiesel am tiefen Grund, ehe der Pfad wieder ansteigt und plötzlich, nach kurzem Dickicht, am Rand der schmalen Asphaltstraße endet. McDonald ruft sie zusammen, seine Wanderer, teilt Fruchtpunsch aus und fragt die Namen der Vögel ab. Niemand hat seinen Vogel vergessen. Sie werden die Namen nach Hause tragen wie ein Totem.
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Quelle: Spiegel Online
Bin Son schrieb:
am 21. Januar 2011 um 12:59:55
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gut
Ein schön geschriebener Artikel!
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