19.02.2010, 00:00 Uhr | Hans-Werner Rodrian/srt
Toskana: Schwefelthermalbad Cascate del Molino in Saturnia (Foto: H.W.Rodrian/SRT)
Dampfend stürzt der heiße Quellwasserstrahl aus einem schlichten Metallrohr in drei grob gehauene Felsbadewannen. Sind die gefüllt, ergießt sich das Nass zwei Meter tiefer in einen malerischen Badeteich am kiesigen Ufer des Flusses Farma gegraben haben. Sehen Sie sich die heißen Toskana-Quellen in unserer Foto-Serie an.
Mehr als Körperwärme, rund 40 Grad, hat das Thermalwasser beim südtoskanischen Ort Petriolo. Frei kommt es aus der Erde. Keine Absperrung, keine Eintrittskasse, keine Umkleidekabinen beeinträchtigen das märchenhafte Badeerlebnis. Wer jetzt, im Winterhalbjahr, dort stoppt, der muss das warme Wasser meist nur mit einigen Wohnmobilisten teilen. Petriolo ist heute ein echter Geheimtipp. Auf ihrem Weg über den riesigen Viadukt der Superstrada von Siena nach Grosseto ahnen die wenigsten Autofahrer, dass tief unten im Talgrund die warmen Schwefelwasser plätschern. Im Mittelalter war das kleine Dorf dagegen die beliebteste Thermalanstalt der ganzen Toskana. Die drei großen Viereckswannen, in denen um 1450 Papst Pius II. zu kuren pflegte, sind noch zu bewundern.
Petriolo ist keineswegs das einzige Thermalbad der Toskana: Überall spritzen und dampfen heiße Wasser aus der Erde. Der Grund dafür erhebt sich breit und mächtig am Horizont. Es ist der Monte Amiata. Als Vulkan längst erloschen, hat er noch genügend Kraft, das Mineralwasser zu heizen und den heilbringenden Schwefel aus dem Boden zu lösen. Die Mischung ist ideal gegen Rheuma und Arthritis - oder einfach nur so zum Wohlsein - "Benessere" wie die Italiener statt Wellness sagen. Bereits zu einiger Berühmtheit gebracht hat es Saturnia eine Autostunde weiter südlich. Dort kaskadiert das heiße Wasser eines Thermalbachs über mehrere kreisrunde Naturbadewannen aus blendendweißem Kalk. Hohes Schilf wiegt sich an den Ufern sanft im Wind, gemeinsam mit einer verfallenen Mühle und viel Dampf entsteht eine Szenerie wie aus der Göttlichen Komödie.
Nasenmenschen mögen einwenden: Es stinkt. Das stimmt. Doch an den leicht fauligen Geruch des Schwefels gewöhnt man sich bald. Unvergesslich bleibt dagegen ein Vollbad im Winter, wenn der ganze Hang dampft. Das wissen freilich auch andere. Selbst mitten in der Nacht kommen Gäste für ein Vollmondbad. Wer es lieber luxuriös mag, der findet übrigens zwei Kilometer entfernt ein Wellnesshotel, dessen Badelandschaft auch als Day Spa besucht werden darf.
Noch älter als Petriolo und Saturnia ist Bagno Vignoni, südlich von Siena über der Via Cassia gelegen. Schon Römer und Etrusker schwitzten in den bis zu 50 Grad heißen Quellen. Ein Ort wie aus dem Märchenbuch: Kaum 50 Einwohner leben dort; statt um einen Dorfplatz gruppieren sich die Häuser um das riesige viereckige Becken, aus dem es von Herbst bis Frühjahr wie aus einem Kochtopf dampft. Wer ein Gratiswarmbad mit natürlichen Schlammpackungen sucht, der findet beides unmittelbar unterhalb des Ortes. Prosaischer, dafür mit Umkleiden und anderen Annehmlichkeiten versehen, ist das Thermalschwimmbad des angrenzenden Hotels Posta Marcucci. Und am Ortsrand ist vor ein paar Jahren auch die große Welt eingekehrt: Da hat ein Hotelier aus dem Südtiroler Grödnertal in den Zypressenhügeln von Bagno Vignoni eine Luxusdependance eröffnet.
Badeanstalt und freies Planschen friedlich nebeneinander: Diese Wahl lassen dem Gast auch die Bagni San Filippo, nur ein paar Kilometer südlich am Fuß des Monte Amiata. Doch wer will schon in den frisch gekachelten Räumen schwimmen, wenn draußen am Wasserwunder in freier Natur die Badenden Lebensfreude versprühen? Ganze Großfamilien samt Kleinkind und Oma rücken nach Feierabend an, um genussvoll ihre Zipperlein zu pflegen. Nostalgischer, ja verwunschener kann ein Badeplatz kaum mehr sein: Mitten im Wald hat sich eine haushohe, strahlend weiße Kaskade gebildet - wie ein gefrorener Wasserfall in den Bergen. Doch was wie Eiszapfen aussieht, ist reiner Kalk, und mündet in drei wohligwarme Naturbecken zwischen hohen Bäumen.
Bagni di Petriolo liegt am tiefsten Punkt der alten Straße von Grosseto nach Siena, von der Superstrada zweigt man bei Casal dei Pari ab. Die Schwefelquellen Cascate del Mulino von Saturnia liegen vier Kilometer südlich des Ortes an der Straße nach Montemerano/Manciano. Bagno Vignoni liegt fünf Kilometer südlich von San Quirico d'Orcia oberhalb der SR2 Via Cassia. Bagni San Filippo liegt 18 Kilometer südlich von Bagno Vignoni ebenfalls an der SR2 Via Cassia. Reiseführerempfehlungen: Südtoscana, Michael Müller Verlag, 15,90 Euro, und Dumont Richtig Reisen Toscana, 22,95 Euro.
Quelle: t-online.de , srt
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